Eine kleine Geschichte. Vielleicht ein Märchen. Oder auch nicht. Denn es kann ja sein, dass es wahr ist. Zumindest für einen kleinen Personenkreis. Aber da nicht alle diese Geschichte kennen, und die, die sie kennen, sie gar nicht glauben können, sagen wir, es sein ein Märchen.

Es war einmal, so fangen ja bekanntlich alle Märchen an, also es war einmal ein kleines Mädchen, mit einem ganz ganz traurigen Blick. Und wenn es einen anschaute, dann meinte man, es schaue vorbei, durch einen durch sozusagen. Aber das ist kaum jemandem aufgefallen, denn dieses kleine Mädchen wohnte in einer großen Stadt, mit vielen Häusern, die wiederum viele Stockwerke hatten, und dort wohnten Menschen, von denen eigentlich keiner wusste, dass sie dort wohnten. Vielleicht ein paar Freunde, aber wenn, dann nur ganz wenige. Denn in dieser Stadt kannte keiner keinen. Und so kannte eigentlich auch keiner dieses kleine Mädchen, das an irgendeiner Ecke in irgendeiner belebten Straße stand und mit eben diesem Blick alle Menschen, die vorbeikamen, traurig anschaute. Einige schauten vorbei, sahen sie gar nicht, wie sie dort stand, und wiederum andere schauten sie an, aber eben so, wie man einen an einem Laternenpfahl befestigten Papierkorb anschaut, oder eine dieser riesigen Reklameschilder.

Es gab aber auch Menschen, die sie wirklich anschauten. Denen wohl dieser traurige Blick auffiel, oder die zerzauste Kleidung. Aber wenn, dann blickten diese Menschen sofort wieder weg, ganz so, als hätten sie Angst. Nicht vor dem kleinen Mädchen, n ein, wer hat schon vor einem kleinen Mädchen Angst, aber vor ihrem Blick. Es scheint, als fürchteten sich die Menschen davor, dass sie dann nicht mehr wegschauen könnten, wenn sie einmal länger in das Gesicht des kleinen Mädchens gesehen hätten. Aber das tat ja keiner. Wenn sie schauten, dann alle nur ganz kurz.

So kam es also nie dazu, dass mal einer bei dem kleinen Mädchen stehen blieb. Alle eilten vorbei, denn in einer großen Stadt, so wie dieser, in der das kleine Mädchen wohnte, haben die Menschen es immer eilig. Kaum, dass einer Zeit für den anderen findet, geschweige denn für sich selbst. Es gibt eben doch zu viel zu tun für die Menschen, gerade in einer solch großen Stadt.

Morgens früh, wenn es noch dunkel ist, dann fängt ja schon alles an. Viele müssen sehr früh arbeiten, und bevor sie arbeiten, wollen sie ja auch Frühstücken. Also muss der Bäcker aufhaben und frische Brötchen verkaufen. Doch zum backen und verkaufen braucht er Licht und Strom. Also müssen die Leute in den Elektrizitätswerken schon lange bevor der Bäcker aufsteht arbeiten. Und da sie irgendwie zur Arbeit kommen wollen, müssen schon Busse oder Straßenbahnen fahren. Und so geht eins ins andere, jeder muss dafür sorgen, dass seine Arbeit getan wird, denn wenn in diesem großen Räderwerk ein Rädchen ausfällt, kann alles ins Wanken geraten. Aber das will ja keiner, es soll ja laufen. Also ist es eigentlich ganz verständlich, wieso keiner bei dem kleinen Mädchen stehen blieb. Denn es kann einem ja schließlich nicht egal sein, ob man morgens frische Brötchen kriegt oder nicht, ob man zum Zähneputzen warmes Wasser hat oder kaltes, weil der Strom ausgefallen ist. Das ist natürlich sehr ärgerlich, denn mit kaltem Wasser die Zähne putzen?! Brrrr!!!! Nein, das würde, so glauben bestimmt viele Menschen, selbst das kleine Mädchen nicht tun.

Doch wenn mal einer stehen geblieben wäre, bei dem kleinen Mädchen, wenn mal irgendeiner in ihre Augen geschaut hätte, dann hätte er gesehen, wie viel Wärme doch so ein kleines Mädchen haben kann, dann hätte er erfahren, dass dieses kleine Mädchen Virana hieß, das ist suobalesisch (eine gänzlich unbekannte Sprache, die nur sehr wenige und sehr kluge Menschen sprechen können), was soviel heißt wie 'Ich liebe', und dann wäre ihm ganz warm ums Herz geworden und er hätte auch dafür Verständnis gehabt, dass der Bäcker heute morgen seinen Laden nicht aufgemacht hat, weil er nämlich mit seiner Frau noch glücklich lachend im Bett lag, und ihm wäre es auch egal gewesen, dass er heute morgen zur Arbeit hätte laufen müssen, weil doch der Straßenbahnfahrer sich erst die Sorgen seines kleinen Sohnes hat anhören müssen, bevor er seine Arbeit beginnen konnte, vielleicht wäre er auch gar nicht zur Arbeit gegangen, sondern fröhlich pfeifend nach Hause gelaufen, weil er ja gewusst hätte, dass die anderen Menschen dafür Verständnis haben, wenn man einfach mal glücklich ist, dann würden die Rädchen in dem großen Räderwerk halt langsamer laufen, und Virana würde jeden anlächeln, und alle würden zurück lachen, denn jeder hätte ja jetzt Zeit, und wenn, dann...

Ja, an dieser Stelle muss ich meine Geschichte leider unterbrechen, denn wenn wirklich alles so wäre, dann würde es mir doch keiner glauben. So muss Virana, ach nein, ihren Namen kennt ja jetzt keiner, so muss also dieses kleine Mädchen weiter mit diesem traurigen Blick an irgendeiner Ecke in irgendeiner belebten Straße stehen. Und falls Du sie mal dort stehen sehen solltest, so überlege Dir gut, ob Du sie anschaust, denn - würdest Du mir diese Geschichte glauben?